Portal für Alteingesessene und Reingeschmeckte
Ochsenhausen - Geschichte - Sagen

Bräuche, Sagen und Anekdoten aus Ochsenhausen


Ein Role, eine der Ochsenhausener Fastnachtsmasken
Ein "Role", eine der Ochsenhausener Fastnachtsmasken
Mein Großvater mütterlicherseits (* 1885 † 1965) war für uns Kinder ein unerschöpflicher Quell alter Geschichten. Leider ist er verstorben als ich noch sehr jung war, trotzdem haben sich einige wenige seiner Erzählungen tief in mein Gedächtnis geprägt.

Die Straße, welche von Ochsenhausen nach Rottum führt, hatte früher mitten im Fürstenwald eine scharfe Kurve, die mittlerweile entschärft ist. Bei dieser Kurve hauste ein weiblicher Geist im Wald, das "Rankaweible" oder hochdeutsch "Kurvenweibchen". Diese böse Hexe hatte die üble Angewohnheit, nachts die Kutscher von der Straße in den Graben zu leiten.
Ungehorsamen Kindern wurde früher mit dem "Bullarole" gedroht, der diese bei Nacht holen würde. "Bulla" sind Bullen, also Stiere und "rola" bedeutet brüllen oder grollen. Auch hierbei handelte es sich um einen wilden Naturgeist, der dem "Wilden Mann" in anderen Gegenden entspricht.
(Diese beiden Geister, das Rankaweible und der Role, sind seit einigen Jahrzehnten als Masken in der Ochsenhausener Fasnet vertreten, welche in Ochsenhausen zwar eine lange Tradition hat, in der Maskengruppen bis in die Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts jedoch völlig unbekannt waren.)

Viele Geschichten und Zoten gab es vom "Schwaaza Vere" ("Schwarzer Veri"), dem berühmten Räuberhauptmann aus dem frühen 19. Jahrhundert. Natürlich wird keine dieser Geschichten einer Überprüfung standhalten, doch zweifellos sind sie sehr alt. Mein Großvater dürfte sie noch in seiner Kindheit erzählt bekommen haben und vielleicht stammen einige der Anekdoten sogar aus der Zeit vor dem "Schwaaza Vere".

Eine Frau mußte noch des Nachts zu Fuß von Ochsenhausen nach Rottum gehen. Sie hatte große Angst vor der berüchtigten Räuberbande. Glücklicherweise jedoch war noch ein Mann auf der selben Straße unterwegs. Diesen sprach sie an, ob er an ihrer Seite bleiben könne, solange der Weg durch den Wald führe, denn sie habe große Angst vor dem "Schwaaza Vere". Der freundliche Mann erfüllte der Dame den Wunsch und es entwickelte sich während des Marsches ein reges Gespräch. Als der Wald durchquert war, blieb sie stehen und fragte:
"Danke daß sie mich durch den Wald geführt haben, doch möchte ich jetzt gerne wissen, wer mich denn eigentlich begleitet hat?"
"Wer ich bin? ... Ich bin der `Schwaaze Vere`!" antwortete lachend der Mann.
Darauf sank die Frau in Ohnmacht.

Der Räuberhauptmann angelte nachts vom Dach aus mit einem Kumpan Rauchfleisch aus einem Räucherkamin. Aus Übermut schiß einer der Banditen nach getaner Arbeit in den Rauchabzug. Der Bauer war jedoch mittlerweile von den Geräuschen erwacht und sah die Bescherung herunterfallen, als er den Kamin begutachtete.
"Du drecketer Hond!" brüllte er wütend hinauf, da er sich nicht getraute, das Haus zu verlassen.
"Was hot der gschriea? ... Nommol a Pfond? Also guat!"
Woraufhin auch der andere Ganove in den Kamin schiß.

Als der Vere in einer Zelle gefangen saß, kam regelmäßig ein Wärter, der sein Gesicht durch eine Klappe an der Zellentüre streckte um zu kontrollieren, ob noch alles in Ordnung sei. Der Schwarze Veri jedoch hatte eine lange Stricknadel, welche in die Zelle geschmuggelt worden war. Mit deren Hilfe öffnete er das Schloß seiner Ketten. Bei der nächsten nächtlichen Kontrolle stach der Vere dem Wärter die Nadel quer durch die Nase, so daß jener sein Gesicht nicht mehr zurückziehen konnte und feststeckte. Der Wärter mußte wohl oder übel die Tür öffnen um loszukommen und wurde vom Vere eingeschlossen. Es waren jedoch noch mehrere weitere Landjäger (Gendarmen) im Gefängnis, die den Räuber entdeckten als er zu fliehen versuchte und wieder in Ketten legten.

Der Räuberhauptmann hatte ein unrühmliches Ende. Als er im "Weißen Turm" zu Biberach gefangen war, schmuggelten Genossen in einem Brot eine Feile in seine Zelle. Bei einem aufziehenden Gewitter begann er zu feilen.
"Es blitzt und donnert und niemand hört mein feilen, gleich hab ich mein Kett´n durchfeilt ..." waren die letzten Worte, die er seinen mitgefangenen Gefährten zurief.
In diesem Augenblick wurde er von einem einschlagenden Blitz getroffen und war tot.
Drom merk d´r, Bua, daß man bei Gewittern nicht an Eisen feilen darf!
(Im Original war der Vere-Spruch ebenfalls auf Hochdeutsch. Anscheinend wurde Franz Xaver ("Vere") Hohenleiter tatsächlich in einem Biberacher Turm vom Blitz erschlagen.)

Klosterkirche Ochsenhausen von Norden
Klosterkirche Ochsenhausen von Norden

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten pflegten die Kinder aus Ochsenhausen im Herbst aus Rüben, welche allerdings unbedingt von einem Acker selbst ausgegraben (mit anderen Worten also gestohlen) sein mußten, Rübengeister zu schnitzen. Von der Rübe wurde ein Deckel abgeschnitten und die Feldfrucht möglichst dünnwandig ausgehöhlt. Nachdem Öffnungen für Mund, Nase und Augen in die Wandung geschnitten und eine Kerze im Inneren der Rübe entzündet worden war, ging man nach der Dämmerung zum "Riebagoistra". Man stellte sich, grollende Laute ausstoßend, klopfend vor die Fenster der Häuser, klingelte an fremden Türen und bettelte mit traditionellen Sprüchen um Kleinigkeiten.

Dieser aus dem Dämmerung der Geschichte stammende Brauch ist in den letzten Jahren vom amerikanisierten Halloween fast völlig abgelöst worden, wie es scheint. Möglich, daß sogar beide Bräuche den gleichen Ursprung haben, denn Oberschwaben war ja ursprünglich keltisches Siedlungsgebiet und so kommt vielleicht nur uraltes Brauchtum in neuem Gewand über den Atlantik zu uns zurück.

Der Nikolaustag war in der Jugend des Autors keineswegs nur der Abend, an dem der Nikolaus in die Häuser kam und Geschenke brachte. Im Gegenteil, dieser aufregende Abend galt der wilden Jagd.
"Wilde Glosa", mit Tierfellen, Röcken und Umhängen verkleidete junge Männer, das Gesicht mit Tüchern oder Fellen möglichst furchterregend unkenntlich gemacht, machten nach der Dämmerung Jagd auf uns Jüngere. Über Gartenzäune und in unverschlossene Schuppen flohen wir vor "de wilde Glosa". Wurde man erwischt, gab es eine anständige Tracht Prügel mit der Rute, manchmal sogar mit dem Haselstock.
Damals wäre allerdings auch kein Mensch auf die Idee gekommen, trotz blauer Flecken von "Kindesmißhandlung" zu sprechen. Im Gegenteil, stolz wurden die empfangenen Male am nächsten Schultag den Kameraden als Beweis des eigenen Mutes vorgezeigt. Nur Feiglinge blieben an diesem Abend zu Hause und es galt als eine besonders grausame elterliche Strafe, am Nikolausabend nicht auf die Straße zu dürfen, weil man etwas ausgefressen hatte.

Die nur im schwäbischen Oberland erhältlichen Brötchen aus Dinkelmehl, die beliebten "Knautzenwecken" wurden früher auch "Wasserwecken" genannt. Heute weiß kaum eine Bäckerei-Fachverkäuferin mehr, was mit "Wasserwecken" gemeint sein könnte. Diese Brötchen haben sich übrigens nicht nur im Preis unverhältnismäßig vervielfacht, nein, ihre Größe hat sich bei den lokalen Bäckereien auch halbiert.

Sprechgesang der Kinder für die Monate April/Mai:

S` rangelet ond schneielet ond Baura fihret Mischt
Hocket uff da Waga nauf ond schreiet 'Hott' ond 'Wischt'!

Beispiele wie lange sich alte Begriffe im bäuerlichen Oberschwaben hielten, gibt es zuhauf.
Noch in den sechziger Jahren holten ältere Menschen bei Gesetzesverstößen nicht die Polizei, sondern riefen die "Landjäger". Ganz alte Leute kämmten sich ihr Haar nicht, sondern sie "strählten" es.

Ich glaube, bis zum Beginn der siebziger Jahre ging einmal wöchentlich ein "Ausscheller" durch die Straßen von Ochsenhausen. An günstigen Ecken blieb er stehen, bimmelte lange und laut mit seiner großen Handglocke, entrollte einen Bogen Papier und begann mit lauter Stimme diejenigen gemeindlichen Bekanntmachungen vorzulesen, die im Internetzeitalter nur den Abbonenten des örtlichen Mitteilungsblattes zugänglich sind.

Peter Engelhardt

Nach oben