Die neue Zeit - verschiedentliche Herrschaften

Revolution 1848
Die Herrschaft der Mönche des Klosters Ochsenhausen endete 1803
mit dem Untergang des alten Reiches und wurde durch Fürst
Metternich´sche Herrschaft abgelöst. 1825 fiel das Kloster durch
Kauf an Württemberg (der Ort selbst war bereits 1806 an den frisch
gebackenen König gefallen). Freilich nur die Grundstücke und
Gebäude. Die Kunstwerke und wertvollen Bücher, die im Lauf der
Jahrhunderte mit dem Ertrag der Arbeit der Ochsenhausener Bauern
und Leibeigenen beschafft wurden, nahm dieser feine Fürst entweder
als Beute mit nach Böhmen oder er verscherbelte sie. Weniger
wertvoll eingeschätzte Bücher der Bibliothek wurden Lastwagenweise
eingestampft um ein paar Gulden Profit zu erzielen.
Jedoch wurden in jener Zeit auch viele religiöse Kunstwerke zu
Schleuderpreisen unters Volk gebracht, so ist überliefert, daß ein
Gutenzeller Bauer, der zur Sommerszeit mit dem Wagen nach
Ochsenhausen fuhr, von seinen Nachbarn angesprochen, warum er denn
das schöne Wetter nicht zur Heuernte nütze, antwortete: "Heu gibt
es jedes Jahr, Heilige kann man nur einmal im Leben einfahren." So
kam wenigstens ein kleiner Teil dessen, was einst die Herren
geraubt, in die Hände jener zurück, die diese Werte geschaffen
hatten.
Seit dieser Zeit beherbergten die
ehemaligen Klostergebäude in Ochsenhausen hauptsächlich Schulen,
Ämter und Internate verschiedener Art. Das Zentrum der offiziellen
geschichtlichen Entwicklung verlagerte jetzt sich vom Kloster zum
Ort selbst und bis heute weiß niemand so recht, wie die gewaltigen
Gebäude sinnvoll genutzt werden sollen. Momentan ist dort u. a.
eine Landesakademie für die musizierende Jugend, ein kleines
Klostermuseum und die örtliche Hauptschule beheimatet. Das
umgangsprachliche "Focke" für den Fruchtkasten, der heute u. a. als
Galerie dient, hat seinen Namen übrigens von dem berühmten
Flugzeugkonstrukteur und dessen Firma "
Focke-Achgelis"
(Kurzinfo auf der
Unterseite: Hubschrauber in Ochsenhausen).
Die zweite große deutsche Revolution von 1848 ging an
Ochsenhausen, trotz der großen Armut weiter Bevölkerungskreise,
fast spurlos vorüber. Nicht einmal die Aufstellung einer
"Bürgerwehr" zur Abwehr revolutionärer Umtriebe, wie anderenorts,
wurde von der Obrigkeit für nötig befunden. Die Verteilung von ein
paar Mehlsäcken an die Hungernden reichte aus um die besitzlose
Bevölkerungsmehrheit geduldig weiter leiden zu lassen. Allenfalls
wurden, vom ersten bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts, ein
paar Gulden als Beihilfe zur Auswanderung ausgezahlt.
Der Überschuß an unbemittelter Bevölkerung wurde durch die in
Oberschwaben weitverbreitete schöne Sitte des Alleinerbens
verursacht, d. h., jeweils der älteste Sohn erbte alles. Nur bei
reichen Bauern konnten die anderen Kinder auf die Auszahlung von
überschüssigem Geld hoffen.
Die anderen Söhne weniger gut gestellter Bauern und der völlig
Besitzlosen mußten entweder Knechte, oder, bis zur Einführung der
allgemeinen Wehrpflicht um 1800, Söldner werden. Als solche
erlangten die Oberschwaben (ähnlich den Schweizern, wo die
Verhältnisse vergleichbar waren) vom Spätmittelalter bis zur Mitte
des 17. Jahrhunderts einige Berühmtheit und fochten in allen
europäischen Kriegen mit.
Die Töchter mußten sich als Mägde verdingen, sofern sie nicht eine
"gute Partie" machten, was aber bei der bei unseren Landsleuten
weitverbreiteten Sparsamkeit eher selten war. Aus Liebe wurde fast
nie geheiratet, die Mitgift mußte stimmen.
Wenn die Kinder Glück hatten und das nötige Eintrittsgeld, durften
sie in früheren Zeiten auch Nonnen oder "Laienbrüder" werden, was
zwar nicht den Luxus eines richtigen Pater-Lebens brachte, jedoch
einen Arbeitsplatz und Versorgung bei Krankheit auf Lebenszeit
sicherte. Dieses System wurde mit dem Ende der Klosterherrschaft
zerschlagen, die Alleinerbensitte aber beibehalten. Die Folgen sind
klar. Knechte und Mägde die für das Essen arbeiteten gab es viele,
zumal bei der ländlichen Bevölkerung zehn oder noch mehr Kinder bis
in die 30er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts keine Seltenheit
waren.

Postkarte um 1900
Der Sieg über Frankreich 1871 löste Begeisterung aus und zu
ewiger Erinnerung wurde unter viel patriotischem Geschwafel eine
"Friedenslinde" auf der Kreuzhalde gepflanzt, die sogar noch in den
80-er Jahren des letzten Jahrhunderts durch einen neuen Baum
ersetzt wurde.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann auch in Ochsenhausen
das elektrische Zeitalter, die Bahnverbindung nach Biberach wurde
fertiggestellt und der wirtschaftliche Boom des 2. Kaiserreiches
brachte eine Entspannung der sozialen Lage durch Abwanderung in die
Industriezentren.
Wie zum Beweis, daß die großen geschichtlichen Ereignisse auch
die kleinsten Orte betreffen, fiel der Völkermordaktion in "Deutsch-Südwest" an den Hereros zu Beginn des
zwanzigsten Jahrhunderts auch ein Bewohner des nahen
Nachbardorfes Erlenmoos, der sich vermutlich aus Abenteuerlust oder
Armut zur "Schutztruppe" gemeldet hatte, zum Opfer, wie eine
Grabtafel auf dem Friedhof von Ochsenhausen noch vor kurzer Zeit
bewies.
Die Gemeinde Ochsenhausen beklagte in der kausalen Katastrophe
des zwanzigsten Jahrhunderts, von 1914-18; 91 Tote, von den
Verwundeten und Versehrten ganz zu schweigen, ich weiß nicht, ob es
irgendwelche Statistiken darüber gibt.
Die Auferlegung der alleinigen Kriegsschuld als Friedensbedingung
durch die Alliierten war ein bedeutender psychologischer Faktor,
der die Fortsetzung dieses Krieges 1939 wesentlich erleichtern
sollte. All diese Toten und Versehrten, junge Männer und vor allem
Familienväter, deren Tod oder Verstümmelung Existenzkrisen
auslösten, sollten ihr Opfer für eine ungerechte Sache gebracht
haben? Glaubte man sich doch und war es auch bis zu einem gewissen
Teil, unschuldig von den Feinden angegriffen. Daß das Reich durch
die kurzsichtige Politik des nur durchschnittlich begabten aber
großartig auftretenden Kaisers den Engländern und Franzosen die
langersehnte Chance des Kräftemessens erst gab, übersah man
großzügig.
Die existentielle Not eines großen Teils der ländlichen Bevölkerung
während der Kriegs- und (vor allem) Nachkriegszeit wurde von
einigen großen Bauern weidlich ausgenutzt. Knechte und Mägde wurden
zum Teil unmenschlich behandelt. Manch armer Arbeitsloser griff zur
Flinte um sich sein Essen im Wald selbst zu besorgen oder seine
Beute auf dem Schwarzen Markt in Biberach gegen Geld oder Waren zu
tauschen. Das Ansehen solcher Wilderer war, im Gegensatz zur
behördlichen Meinung, bei einem großen Teil der Bevölkerung hoch.
Arbeit war selten und mein Onkel war nicht der einzige, der aus
Geldmangel jeden Morgen zu Fuß ins 16 km entfernte Biberach zu
seiner Lehrstelle und des Abends wieder zurück ging.

500 Mark Inflationsgeld 1923
Diese Umstände führten mit zu dem unrühmlichsten Kapitel in
unserer Geschichte. Leider war Ochsenhausen braun wie sonst kaum
eine andere Gemeinde in Oberschwaben. Das letzte freie Wahlergebnis
von 1933 brachte der NSDAP 44,1% und das in einem Ort, in dem das
katholische "Zentrum", vor dem Krieg und bis dahin in der Weimarer
Republik, die heutigen Wahlergebnisse der CDU sogar noch übertraf!
Nach der "Machtergreifung" (Flugblatt
aus dem Anfang der NS-Zeit) wurde als Belohnung dafür in der
Ulmer Straße das Hauptquartier der SA-Standarte eingerichtet. Zur
"Reichskristallnacht" wurde diese in Ermangelung an Ochsenhausener
Juden auf Lkw´s nach Bad
Buchau gefahren um die dortige Synagoge abzubrennen. Dort
wurden Juden verprügelt und Wohnungen verwüstet, die Synagoge wurde
jedoch erst etwas später von der Ulmer SA endgültig abgefackelt.
Vielleicht hat das seinen Grund darin, daß viele SA-Mitglieder aus
Ochsenhausen auch gleichzeitig Mitglieder der örtlichen Feuerwehr
waren und man sich den Buchauer Kollegen nicht als Brandstifter
präsentieren wollte.
Schon die Judenpolitik der Klosterherrschaft von Ochsenhausen war
sehr repressiv gewesen, Juden war der ständige Aufenthalt im
Klostergebiet verboten und auch fahrende jüdische Händler, vor
allem Viehändler, suchte man durch Strafen fernzuhalten. Dies
wirkte wohl mehr als ein Jahrhundert nach, denn in Ochsenhausen gab
es vor der Naziherrschaft nur eine einzige Familie jüdischen
Glaubens. Diese wurde während der NS-Zeit anscheinend mit anderen
Juden zunächst in Baisingen konzentriert und konnte (so der Hinweis
eines Lesers) dem Holocaust glücklicherweise über Umwege und
Wirrungen nach Australien entkommen, wo noch heute Nachfahren
dieser Familie leben sollen. Der örtliche Bürgermeister (von 1937
bis 1945) und SA-Standartenführer Deininger soll sich seinerzeit
für diese Familie verwendet haben.
Während der Ernte 1936 läuteten die Glocken der Klosterkirche
eines Nachmittags Sturm und die erschreckten Feldarbeiter liefen
von den Äckern in den Ort, sie glaubten nicht weniger, als daß der
Krieg begonnen habe. Aber es wurde nur mit viel Pathos die
Entsendung der "Legion Condor" zur Unterstützung des Generals
Franco verkündet. Dies aber zeigt, daß der kommende Krieg von allen
erwartet wurde.
Als dieser dann kam, mußten nicht nur die jungen Männer an die
Front, auch Mädchen und Frauen wurden zwangsverpflichtet, zum
Beispiel als Dienstmädchen bei Parteioberen oder in die Fabriken
der Städte, wo sie den Schrecken des Bombenterror´s erlebten.
Weit von den Zentren des militärisch dramatischen Geschehens
entfernt, erschienen in der letzten Krieghälfte doch Menetekel am
oberschwäbischen Firmament. Eines Tages zeigte sich ein gewaltiger
Bomberstrom am Himmel, der nördlich von Ochsenhausen eine
Schwenkung von West nach Nord vollzog. Das auf dem Heselsberg
positionierte FLA-Geschütz feuerte ununterbrochen und die alten
Ochsenhausener behaupteten, daß dessen Wirkung der Abschuß eines
der Flugzeuge zuzuschreiben sei. Jedenfalls liegen auf unserem
Friedhof auch englische Flieger.
Nach der Bombardierung des Luftlinie 130 km entfernten Pforzheim´s,
die nicht im Zusammenhang mit diesem Bomerstrom steht, war der
Himmel in nordwestlicher Richtung mehrere Nächte lang in
unheimliches Rot gehüllt.

Diese Fa 223 Hubschrauber wurden in Ochsenhausen gebaut
Die letzten Tage der braunen Herrschaft in Ochsenhausen waren
mit Blut getränkt. Hitlerjugend sollte die angreifenden Feinde
solange aufhalten, bis die Militär- und Naziführung Richtung
"Alpenfestung" fliehen konnte.
Mein Großvater war im Ort und als klar war, daß in spätestens 2
Stunden die anrückende Vorhut der Franzosen auftauchen würde,
machte er sich auf den Heimweg. Am Ortseingang lagen 4 Jugendliche
der HJ mit Panzerfaust bewaffnet in einem Graben. Er wollte sie
überreden, mit ihm in sein einsam gelegenes Haus zu kommen, wo sich
bereits mehrere Soldaten und sogar ein Offizier vor der SS
versteckt hatten. Jedoch hatten sie Angst erschossen zu werden und
glaubten den Beteuerungen meines Großvaters, daß die Herren der SS
schon geflohen waren, nicht. Sie feuerten dann tatsächlich auf die
anrückenden Panzer. Diese Kinder liegen heute auf dem
Ochsenhausener Friedhof.
Als eine der ersten Amtshandlungen ermordeten die eingerückten
Franzosen den Bürgermeister von Ochsenhausen, da sich im Rathaus in
einem verschlossenen Keller versteckte Waffen fanden, von denen
niemand etwas wußte.
Der Krieg kostete die Gemeinde diesmal 209 tote Soldaten. Auch
mehrere Zivilisten fielen in den letzten Kriegstagen alliierten
Tieffliegern, die Jagd auf einzelne Fußgänger (auch Frauen und
Kinder) machten und den Kampfhandlungen zum Opfer.
Die Besetzung durch die Alliierten wurde von der breiten
Bevölkerung keineswegs als "Befreiung" empfunden, man sprach vom
"Zusammenbruch" oder "Umsturz" und die Verbrechen an den religiösen
und ethnischen Minderheiten sowie an den sowjetischen
Kriegsgefangenen und Zivilisten wurden bis ans Ende der sechziger
Jahre in den Hintergrund gestellt.
Nachvollziehbar ist die damalige Standard-Antwort "was man denn
hätte tun sollen" auf die Frage der "68er", weshalb man da
mitgemacht habe, schon. Schließlich stieg mit den steigenden
Verlusten auch die Zahl der hingerichteten Soldaten, so wurden im
ersten Teil dieses Krieges von 1914-1918 weniger als 50 Soldaten
exekutiert, im zweiten von 1939-1945 bis zu 50.000! (Starke
Schwankungen je nach Quelle, mindestens jedoch 25.000.)

Museumsbahn Öchsle
Im Jahr 1950 wurde der bisherige Marktflecken Ochsenhausen dann
anlässlich der "Feier des 850 jährigen Bestehens" zur Stadt
Ochsenhausen erhoben, behielt jedoch nichtsdestotrotz bis in die
frühen 80-er Jahre seinen dörflichen Charakter.
In diesem Jahrzehnt flossen reichlich Fördermittel des Landes,
Sanierungspläne wurden erstellt und das dörfliche Profil des Ortes
auf Biegen und Brechen in ein kleinstädtisches verwandelt. Etliche
Jahrhundertealte Gebäude wurden abgerissen oder bis auf die blanken
Außenmauern ausgeschlachtet. Auf diese Fassaden hätte man
ehrlicherweise auch verzichten können.
Auch der Brunnen mit
mineralhaltigem Wasser, das in früheren Zeiten in einer
Badeanstalt Verwendung fand, wurde, aus welchen Gründen auch immer,
zugeschüttet.
Nicht ganz so gravierend waren die Schäden durch die 1984
abgeschlossene Renovierung des Klosters. Doch wurden auch hier z.B.
im Fruchtkasten (Focke) die gewaltigen originalen Eichenbalken
entfernt und dem Gebäude im Inneren ein völlig neuer Charakter
gegeben.
Dagegen fügte sich eine große Hausgerätefabrik, die sich Anfang
der fünfziger Jahre in Ochsenhausen niederließ, versteckt zwischen
zwei Hügel, nahezu nahtlos ins Ortsbild. Auch weitere Fabriken
siedelten sich an, weniger diskret zwar, aber auch sie brachten
Arbeitsplätze.
Supermärkte wurden, wie überall, auf die grüne Wiese gesetzt und
mehrere Kilometer von Ochsenhausen entfernt ein großes
Gewerbegebiet direkt an den Waldrand gestellt.
Wohl nie in der Geschichte des Ortes waren die Veränderungen in
50 Jahren so groß wie in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ob zum Positiven oder Negativen hängt vom Standpunkt des
Betrachters ab. Doch ist es eine Tatsache, daß der Unterschied
zwischen "Land" und "Stadt", nicht nur durch fortschreitende
Technik, sondern auch durch immer drastischere Zersiedelung und
Straßenbau, immer marginaler wird.
Peter Engelhardt
