Kurzer Überblick über die Geschichte von Stadt und Kloster Ochsenhausen in OberschwabenDie neue Zeit - verschiedentliche HerrschaftenDie Herrschaft der Mönche des Klosters Ochsenhausen endete 1803 mit dem Untergang des alten Reiches und wurde durch Fürst Metternich´sche Herrschaft abgelöst. 1825 fiel das Kloster durch Kauf an Württemberg (der Ort selbst war bereits 1806 an den frisch gebackenen König gefallen). Freilich nur die Grundstücke und Gebäude. Die Kunstwerke und wertvollen Bücher, die im Lauf der Jahrhunderte mit dem Ertrag der Arbeit der Ochsenhausener Bauern und Leibeigenen beschafft wurden, nahm dieser feine Fürst entweder als Beute mit nach Böhmen oder er verscherbelte sie. Weniger wertvoll eingeschätzte Bücher der Bibliothek wurden Lastwagenweise eingestampft um ein paar Gulden Profit zu erzielen. ![]() Königlich Württembergisches Staats- und Regierungsblatt, Samstag, 6. Merz 1813 Urteilsbestätigung eines Rechtstreites zwischen Graf von Sickingen und Fürst Metternich, Erbschaftsansprüche auf Ochsenhausen betreffend Jedoch wurden in jener Zeit auch viele religiöse Kunstwerke zu Schleuderpreisen unters Volk gebracht, so ist überliefert, daß ein Gutenzeller Bauer, der zur Sommerszeit mit dem Wagen nach Ochsenhausen fuhr, von seinen Nachbarn angesprochen, warum er denn das schöne Wetter nicht zur Heuernte nütze, antwortete: "Heu gibt es jedes Jahr, Heilige kann man nur einmal im Leben einfahren." So kam wenigstens ein kleiner Teil dessen, was einst die Herren geraubt, in die Hände jener zurück, die diese Werte geschaffen hatten. ![]() Königlich Württembergisches Staats- und Regierungsblatt, Samstag, 1. Aug 1811 Derartig lange Listen mit Wehrpflichtigen, die sich vor den Behörden versteckten, waren in jenen Jahren fester Bestandteil des Regierungsblatts und machten einen beträchtlichen Teil der Seiten aus. Dies beweist, dass die vom König von Napoleons Gnaden eingeführte Wehrpflicht auf wenig Gegenliebe der Untertanen stieß. Seit dieser Zeit beherbergten die
ehemaligen Klostergebäude in Ochsenhausen hauptsächlich Schulen,
Ämter und Internate verschiedener Art. Auch der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht bekannte Schriftsteller Wilhelm Schussen (eigentlich Wilhelm Frick) verbrachte einen Teil seiner Schulzeit in einer dieser Einrichtungen, wie er in seinem Buch "Zwischen Donau und Bodensee" (1924) berichtet. ![]() Zeitungsanzeigen vom Juli 1869 Nach der Revolution von 1848 erreichte die Auswanderung aus Deutschland einen Höhepunkt Quelle: Tageszeitung aus dem Sigmaringisch-Hohenzollern´schen Die zweite große deutsche Revolution von 1848 ging an
Ochsenhausen, trotz der großen Armut weiter Bevölkerungskreise,
fast spurlos vorüber. Nicht einmal die Aufstellung einer
"Bürgerwehr" zur Abwehr revolutionärer Umtriebe, wie anderenorts,
wurde von der Obrigkeit für nötig befunden. Die Verteilung von ein
paar Mehlsäcken an die Hungernden reichte aus um die besitzlose
Bevölkerungsmehrheit geduldig weiter leiden zu lassen. Allenfalls
wurden, vom ersten bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts, ein
paar Gulden als Beihilfe zur Auswanderung ausgezahlt. Der Sieg über Frankreich 1871 löste Begeisterung aus und zu ewiger Erinnerung wurde unter viel patriotischem Geschwafel eine "Friedenslinde" auf der Kreuzhalde gepflanzt, die sogar noch in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts durch einen neuen Baum ersetzt wurde. Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann auch in Ochsenhausen das elektrische Zeitalter, die Bahnverbindung nach Biberach wurde fertiggestellt und der wirtschaftliche Boom des 2. Kaiserreiches brachte eine Entspannung der sozialen Lage durch Abwanderung in die Industriezentren. Wie zum Beweis, daß die großen geschichtlichen Ereignisse auch die kleinsten Orte betreffen, fiel der Völkermordaktion in "Deutsch-Südwest" an den Hereros zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auch ein Bewohner des nahen Nachbardorfes Erlenmoos, der sich vermutlich aus Abenteuerlust oder Armut zur "Schutztruppe" gemeldet hatte, zum Opfer, wie eine Grabtafel auf dem Friedhof von Ochsenhausen noch vor kurzer Zeit bewies. ![]() Rezept einer Zeitung für einen "Weihnachts-Kriegskuchen" 1915 Die Gemeinde Ochsenhausen beklagte in der kausalen Katastrophe
des zwanzigsten Jahrhunderts, von 1914-18; 91 Tote, von den
Verwundeten und Versehrten ganz zu schweigen, ich weiß nicht, ob es
irgendwelche Statistiken darüber gibt. ![]() Münzen aus verschiedenen Zeiten Oben: Ein Kreutzer 1772, Kupfer Mitte: ½ Reichsmark 1918, Silber Unten: 1 Mark Sachsen 1921 (Notgeld), Keramik Diese Umstände führten mit zu dem unrühmlichsten Kapitel in
unserer Geschichte. Leider war Ochsenhausen braun wie sonst kaum
eine andere Gemeinde in Oberschwaben. Das letzte freie Wahlergebnis
von 1933 brachte der NSDAP 44,1% und das in einem Ort, in dem das
katholische "Zentrum", vor dem Krieg und bis dahin in der Weimarer
Republik, die heutigen Wahlergebnisse der CDU sogar noch übertraf!
Nach der "Machtergreifung" (Flugblatt
von 1933) wurde als Belohnung dafür in der
Ulmer Straße das Hauptquartier der SA-Standarte eingerichtet. Zur
"Reichskristallnacht" wurde diese in Ermangelung an Ochsenhausener
Juden auf Lkw´s nach Bad
Buchau gefahren um die dortige Synagoge abzubrennen. Dort
wurden Juden verprügelt und Wohnungen verwüstet, die Synagoge wurde
jedoch erst etwas später von der Ulmer SA endgültig abgefackelt.
Vielleicht hat das seinen Grund darin, daß viele SA-Mitglieder aus
Ochsenhausen auch gleichzeitig Mitglieder der örtlichen Feuerwehr
waren und man sich den Buchauer Kollegen nicht als Brandstifter
präsentieren wollte. Während der Ernte 1936 läuteten die Glocken der Klosterkirche
eines Nachmittags Sturm und die erschreckten Feldarbeiter liefen
von den Äckern in den Ort, sie glaubten nicht weniger, als daß der
Krieg begonnen habe. Aber es wurde nur mit viel Pathos die
Entsendung der "Legion Condor" zur Unterstützung des Generals
Franco verkündet. Dies aber zeigt, daß der kommende Krieg von allen
erwartet wurde. Weit von den Zentren des militärisch dramatischen Geschehens
entfernt, erschienen in der letzten Krieghälfte doch Menetekel am
oberschwäbischen Firmament. Eines Tages zeigte sich ein gewaltiger
Bomberstrom am Himmel, der nördlich von Ochsenhausen eine
Schwenkung von West nach Nord vollzog. Das auf dem Heselsberg
positionierte FLA-Geschütz feuerte ununterbrochen und die alten
Ochsenhausener behaupteten, daß dessen Wirkung der Abschuß eines
der Flugzeuge zuzuschreiben sei. Jedenfalls liegen auf unserem
Friedhof auch englische Flieger. Die letzten Tage der braunen Herrschaft in Ochsenhausen waren
mit Blut getränkt. Hitlerjugend sollte die angreifenden Feinde
solange aufhalten, bis die Militär- und Naziführung Richtung
"Alpenfestung" fliehen konnte. Als eine der ersten Amtshandlungen ermordeten die eingerückten
Franzosen den Bürgermeister von Ochsenhausen, da sich im bereits erwähnten SA-Quartier in
einem verschlossenen Keller versteckte Waffen fanden, von denen
niemand etwas wußte. Im Jahr 1950 wurde der bisherige Marktflecken Ochsenhausen dann
anlässlich der "Feier des 850 jährigen Bestehens" zur Stadt
Ochsenhausen erhoben, behielt jedoch nichtsdestotrotz bis in die
frühen 80-er Jahre seinen dörflichen Charakter. Dagegen fügte sich eine große Hausgerätefabrik, die sich Anfang
der fünfziger Jahre in Ochsenhausen niederließ, versteckt zwischen
zwei Hügel, nahezu nahtlos ins Ortsbild. Auch weitere Fabriken
siedelten sich an, weniger diskret zwar, aber auch sie brachten
Arbeitsplätze. Wohl nie in der Geschichte des Ortes waren die Veränderungen in 50 Jahren so groß wie in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ob zum Positiven oder Negativen hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Doch ist es eine Tatsache, daß der Unterschied zwischen "Land" und "Stadt", nicht nur durch fortschreitende Technik, sondern auch durch immer drastischere Zersiedelung und Straßenbau, immer marginaler wird. Peter Engelhardt |
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